Achtsam leben Blog

Über die Sehnsucht nach Neubeginn

Mancher denkt sich Abenteuer aus und ganze Romane und dichtet sich das Leben zurecht, um wenigstens auf diese Weise nach Wunsch zu leben.

Dostojewski

Kennst du diesen Wunsch, diese Sehnsucht, einfach auszubrechen, neu anzufangen an einem unbekannten Ort in der Ferne, wo alles fremd ist und niemand einen kennt? Frei von Altlasten, frei von Vergangenheit. Ein weißes Blatt Papier, unbeschrieben und darauf wartend mit bunten aufregenden Geschichten befüllt zu werden. 

Alltag hat für die meisten von uns ganz unterschiedliche Gesichter. Ein sicherer Hafen, der Geborgenheit bietet. Sicherheit, Routinen. Manchmal fühlt sich Alltag aber auch nach immerkehrenden Wiederholungen an. Als ob man feststecken würde, oder in einem Hamsterrad gefangen sein, das sich immer weiterdreht, obwohl man kaum mehr Atem und Kraft übrig hat, um eine einzige weitere Runde zu laufen. Alltag ist das, was alle Tage passiert. Oder zumindest an den meisten Tagen. Es sind all die Erlebnisse und Handlungen, die wir oft über Jahre so gut es geht, unseren Bedürfnissen anpassen. Vieles, was in unserem Alltag passiert ist von Außen bestimmt. Gewisse Dinge müssen wir tun, weil wir in dieser Gesellschaft leben. Neben all diesen Verpflichtungen versuchen wir uns aber vermutlich alle, einen Alltag zu schaffen, der gut für uns funktioniert. Aber dennoch, inmitten dieser Zeilen, die wir tagtäglich gleich oder sehr ähnlich in unser Lebensbuch schreiben, schleicht sich oft ein leiser zaghafter Zweifel ein: Ist das alles? Es muss doch mehr im Leben geben. Ich muss hier weg.

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin Mueller-Stahl

Jeden Tag lesen wir Geschichten von Menschen, die große Abenteuer wagen oder gewagt haben. Entdecker*innen mit unstillbarer Neugier. Menschen, die einfach ausbrachen, Neues entdeckten und die genau dieser Sehnsucht nachgaben, die wir manchmal auch in unserem Herzen tragen. Oft scheint es, als befänden sich Gegenwart und Neubeginn an zwei ganz unterschiedlichen Polen. Zwei Extreme, die sich notwendigerweise ausschließen. Entweder, oder. Dazwischen gibt es nichts.

Ich weiß nicht, warum wir so oft dazu neigen, alles in Schwarz oder Weiß einzuteilen. Gut oder Schlecht. Schön oder Hässlich. Nie wieder, oder für immer. Ich denke, in Extremen zu denken ist oft leichter. Dann gibt es nur zwei Entscheidungen. Ein lautes Ja, oder ein radikales Nein. Die unzähligen Entscheidungen, die dazwischen liegen machen meist alles nur komplizierter. Aber genau in der Erkenntnis, dass unser Leben auf einem Kontinuum von Möglichkeiten stattfindet, liegt so viel Magie und eine große Chance.

Neubeginn muss nicht immer radikal sein. Es muss nicht bedeuten, alles und jeden zurückzulassen. Und es muss auch nicht bedeuten, alle Anteile der eigenen Persönlichkeit loszulassen und neu zu erschaffen. Das Leben ist nie nur gut oder schlecht. Es gibt immer Dinge, die uns nähren und guttun und andere, die uns ein Gefühl von Schwere geben und von denen wir Abschied nehmen sollten.

Ich kenne das Gefühl, ausbrechen zu wollen vor allem auch aus meiner Essstörungsvergangenheit. Jeden Tag wünschte ich mir, dass morgen alles anders sei. Ich wollte neu anfangen und endlich gesund und frei sein. Ich wollte mein altes Leben abstreifen wie einen Mantel, der mir zu schwer und zu eng geworden war. Aber obwohl das auf diese abrupte Weise selten funktioniert, muss es nicht komplizierter sein.

Neubeginn kann leicht sein, denn es muss nicht groß, laut und bemerkenswert sein. Kein lauter Knall, kein alles erschütternder Erdbeben, der alles auf den Kopf stellt.

Die Chance auf Neubeginn liegt in jedem einzelnen Moment. In jedem Augenblick liegt die Möglichkeit, eine kleine Facette unseres Lebens zu verändern, neu zu erschaffen und neu auszurichten.

Das Ziel muss nicht sein, den Mut zu fassen, um endlich auszubrechen. Vielmehr brauchen wir mehr Mut, Veränderungen im Jetzt zu schaffen. Ist das nicht oft auch die viel größere Errungenschaft? Festgefahrene Routinen zu verändern, kann sich manchmal fast unmöglich anfühlen. Denn so aufregend und schön sich der Gedanke an große Veränderungen oft anfühlt, so beängstigend kann es auch sein, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen. 

Was bleibt über, wenn ich alles loslasse? Wer bin ich und wer will ich sein, wenn ich mich ganz neu erfinde? Kein Wunder, dass wir bei der Suche auf diese Antworten oft wieder die Sicherheit unseres Alltags suchen. Wo alles bekannt ist und es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

Ich habe gelernt, es darf beides geben. Die Sehnsucht nach Neuem und die Liebe zum Bekannten. Wenn wir uns mehr dafür öffnen, dass es kein Entweder-oder sein muss, können wir anfangen, die Schönheit in all den kleinen Möglichkeiten auf Neubeginn zu sehen. Ist es nicht spannend, dass uns doch genau diese Tage in Erinnerung bleiben, an denen wir etwas anders gemacht haben als sonst? Während der Alltag oft wie ein Nebelschleier ist und undurchsichtig an uns vorbeizieht, sind besondere Ereignisse wie bunte Farbspritzer auf der Leinwand unseres Lebens. Ein Ausflug ins Grüne. Ein besonderes Dinner. Der erste Spaziergang in der warmen Frühlingsluft. Das erste Mal kurze Hosen im Sommer.

Der Wunsch nach Veränderung erfüllt sich vor allem durch den Mut, im Hier und Jetzt anzufangen. Im Kleinen, leise, achtsam und bewusst.

Neubeginn ist so oft viel eher eine innere Haltung, als eine Handlung im Außen. Vielleicht kennst auch du dieses Gefühl. Dann pack diese Sehnsucht, nimm sie an der Hand und schaffe Veränderung im Hier und Jetzt. Beginne mutig im Kleinen, denn genau das ist der wichtigste Baustein für ein Leben, wo tatsächlich jeder Tag Neubeginn ist und du das Tempo bestimmst.